Es ist mal wieder soweit. Tausende Wissenschaftler:innen haben sich in einem jahrelangen Prozess zusammengesetzt und zehntausende von Papern gelesen, um eine Frage zu beantworten: Wie schlimm ist es wirklich?

Dabei ist mal wieder herausgekommen, dass Klimawissenschaften deutlich zu kompliziert sind, um die in einer einzigen Metastudie zusammenzufassen. Also gibt es stattdessen drei Teile 😀 Diese „Metastudien-Trilogie“ ist besser bekannt als Zustandsbericht des Weltklimarats. Anfang des Jahres wurde der zweite Teil der sechsten Iteration dieses Zustandsberichts veröffentlicht.

Dieser Teilbericht beschäftigt sich intensiv mit dem Stand der Wissenschaft zu den Risiken, Vulnerabilitäten und Adaption vom Klimawandel. Wenn man sich die Zusammenfassung durchliest, fragt man sich unwillkürlich: Warum braucht es so einen Bericht überhaupt? Gefühlt ist alles wie im letzten Bericht von 2014, nur, dass wir jetzt mit noch größerer Sicherheit sagen können, dass alles noch schlimmer ist als gedacht. Also was ist neu?

„A Borrowed Planet – Inherited from our ancestors. On loan from our children. by Alisa Singer“ – Froncover des Working Group 2 Berichts – (c) IPCC

Es gibt jetzt zwei grundlegende Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten. 1.) Alle knapp 4000 Seiten des Berichts lesen. Problem dabei: Der Bericht ist frisch aus der finalen Überarbeitung raus, aber noch nicht endgültig formatiert. Man müsste also 4000 schlecht formatierte Seiten in Wissenschaftsenglisch durchlesen, und keiner von uns 2Nerds ist Klimawissenschaftler. Deutlich zu anstrengend. Aber zum Glück gibt es ja noch eine weiter Möglichkeit: 2.) Man fragt einfach jemanden, der mitgemacht hat.

Der Weltklimarat bietet die Möglichkeit, am Tag der Veröffentlichung mit Autor:innen des Berichts zu reden. Die Hürden für diese Expert:innen-Interviews sind deutlich geringer als die für die Teilnahme an den offiziellen Pressekonferenzen und wir würden das auf jeden Fall weiter empfehlen. Vielleicht erinnert ihr euch noch dumpf an 2019, wo wir mit Philipp Williamson gesprochen hatten, als der Sonderbericht zu Ozeanen und Kryosphäre rausgekommen ist. Auch dieses Mal hatten wir wieder das Glück mit einem der Hauptautoren des Berichts zu sprechen. Prof. Dr. Matthias Garschagen von der LMU München ist Professor am Lehrstuhl für Anthropogeographie mit Schwerpunkt Mensch-Umwelt-Beziehungen und hat an dem aktuellen Bericht schwerpunktartig zu Risiken für Küstenregionen und regionenübergreifende Risiken mitgearbeitet. Am Tag der Veröffentlichung hatte ich das Glück mit ihm über ein paar der oben genannten Fragen zu reden.

Die wichtigste Frage zu erst. Warum braucht man eigentlich noch so einen Report? Zwar stimmt es, dass viele der Erkenntnisse in den Grundzügen schon in den letzten IPCC-Berichten vorkamen, und doch ist es wichtig, zu betonen, dass sich diese Erkenntnisse verschärft haben. Dies gilt sowohl für das Ausmaß der zu erwartenden Schäden, als auch für die Sicherheit mit denen das Ausmaß eingeschätzt wird. Der IPCC-Bericht ist zudem eine seltene Mischung aus politischem Gutachten und wissenschaftlichem Bericht. Er ist aus einem politischen Willen heraus entstanden. Die UN (speziell das Klimakommissariat (UNFCCC)) hat den IPCC gebeten, diesen Bericht zusammenzustellen. Und die Zusammenfassung(!) des Berichts wird mit politischen Vertretern aus verschiedenen Ländern abgestimmt.

Die Unterscheidung zwischen Hauptbericht und Zusammenfassungen ist durchaus wichtig.
Im Hauptbericht ist die wissenschaftliche Datenlage beschrieben und analysiert. Dieser Teil wird von Wissenschaftler:innen aus der ganzen Welt ehrenamtlich zusammengestellt. (Es bekommt also auch niemand Geld dafür, diesen Bericht zu schreiben.) Danach geht der Teil, wie alle seriösen wissenschaftlichen Arbeiten, durch einen peer-review Prozess. Hier prüfen andere unabhängige Wissenschaftler:innen den Bericht, ob das alles wissenschaftlich Sinn ergibt, und versehen ihn mit vielen Anmerkungen. Außerdem gibt es ein öffentliches peer-review, in dem auch Nicht-Wissenschaftler:innen den Bericht durchgehen können und Fragen stellen können. Dies dient vor allem dazu, die Lesbarkeit des Berichts zu verbessern und einige Stellen klarer herauszuarbeiten.
Von diesem Hauptbericht werden dann zwei Zusammenfassungen angefertigt. Es gibt die „Technical Summary“, welche vor allem wissenschaftliche Methoden und Ergebnisse zusammenfasst. Diese „technische Zusammenfassung“ durchläuft, zusammen mit dem Hauptbericht, den selben peer-review Prozess. Und dann gibt es noch die „summary for policy makers“. Diese extrem (relativ) kurze Zusammenfassung ist das Einzige, was die meisten Menschen jemals von dem Bericht lesen werden. Und dieser kleine Teil ist auch der Einzige, der mit dem Vertreter:innen aus der Politik abgesprochen wird. Und auch hier gibt es Einschränkungen. Durch dieses Verfahren bleiben die grundlegenden Fakten erhalten. Die wissenschaftliche Grundlage, der Hauptbericht, wird nicht angegriffen und kann auch nicht irgendwie politisch überstimmt werden. Dennoch gibt es natürlich politische Motivationen, bestimmte Aussagen abzuschwächen oder zu stärken. Und solange das in einem wissenschaftlich vertretbaren Rahmen geschieht, ist diese Absprache sogar ein großer Vorteil des IPCC Berichts, weil das finale Dokument so eine Brücke zwischen Wissenschaft und Politik darstellt. Der Bericht ist nicht mehr nur etwas von „der Wissenschaft“, sondern auch politisch anerkannt. Dadurch erhält er eine nochmals stärkere politische Bedeutung.

Herr Prof. Dr. Garschagen – Illustration: Daha Yeo

Jetzt haben wir also geklärt, wie dieser Bericht zustande kommt, und warum er immer noch wichtig ist. Aber was steht denn nun drin? Was sind nach Meinung von Prof. Dr. Garschagen die wichtigsten Kernpunkte?

Hier wurde in unserem Gespräch immer wieder deutlich, dass dieser Bericht keine rosafarbende Sicht auf die Dinge bietet. Wie eben schon angedeutet, wird vor allem klar, dass die Risiken und Vulnerabilitäten, welche schon in dem Vorgängerbericht von 2014 genannt wurden, stärker ausfallen werden als damals angenommen. Auch die Sicherheit, mit der diese Risiken zunehmen, hat nochmal zugenommen. Es gibt also kaum neue Bereiche, in denen dieser Bericht eine Übersicht bietet, aber die Bereiche, die untersucht wurden, haben sich eher ins Negative entwickelt. Ein paar neue Sachen sind aber trotzdem dazu gekommen. Ich persönlich freue mich über die Aufnahme der Auswirkungen der Klimakrise auf die psychische Gesundheit in den Bericht, auch wenn hier die Aussichten ebenfalls nicht sonderlich gut sind (dazu kommt eventuell später noch ein eigener Artikel). Einer der wichtigsten neuen Punkte in diesem Bericht ist die Sektor und Regionen übergreifende Analyse. Hier wird untersucht, wie sich Maßnahmen ein einem Bereich auch auf andere auswirken und welche Risiken sich auch über größere Regionen ausbreiten. Daraus entstehen positive wie auch negative Schlussfolgerungen des Berichts. Zu den negativen Schlussfolgerungen zählt das, was der Bericht „maladaptions“, oder „Fehlanpassungen“, nennt. Also Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, die zwar auf den ersten Blick einen positiven Effekt haben, aber durch verschiedenen Verknüpfungen zum Beispiel Armut weiter verstärken oder das ökologische Gleichgewicht stören. Diese Fehlanpassungen können die notwendigen Anpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen verlangsamen, oder im schlimmsten Fall sogar komplett unwirksam machen. Es gibt aber auch positive Effekte. So kann man über gut geplante, gut durchdachte Maßnahmen gleich mehrere Probleme gleichzeitig bekämpfen. Dadurch kann ein bestimmtes Projekt beispielsweise zur Klimaanpassung dienen, aber auch soziales Ungleichgewicht vermindern, zum Klimaschutz beitragen und die Luftqualität verbessern. So kann man mit einem relativ geringen finanziellen Aufwand viele positive Folgen erreichen.

Zu diesen Planungen gehört aber auch eine zeitliche Komponente. So werden Anpassungsmaßnahmen und Bebauungspläne zum Beispiel auf 20 bis 30 Jahre geplant, aber die Risiken, die mit dem Klimawandel verbunden sind, machen es eigentlich nötig in 80-100 Jahres-Zeiträumen zu denken. Da das extrem schwierig ist, müssen die Anpassungsstrategien von Städten, Gemeinden und Ländern aber auch in sich flexibel bleiben. Herr Garschagen drückt das so aus: „Anpassbar in der Anpassung bleiben“. Dann haben wir noch eine Chance, das alles zu managen.

Denn das ist der wichtige Punkt hier. Neben den Risiken und Vulnerabilitäten ist auch die Forschung in den Anpassungsmaßnahmen genauer geworden. Es gibt alle Lösungen, die wir brauchen, bereits heute. Wenn wir schlau planen, können wir sogar mehrere soziale und ökologische Krisen gleichzeitig lösen. Noch nie war ein Bericht so klar, was wann getan werden muss. Aber noch nie war der Spruch mit der „letzten Warnung“ so wörtlich zu nehmen, wie bei diesem Bericht. Als abschließende Botschaft an uns Aktivisti sagt Herr Garschagen: „Man hat es noch in der Hand, aber das Zeitfenster schließt sich. Der nächste Bericht kann schon nicht mehr so positiv ausfallen und dann könnte das Zeitfenster schon vorbei sein.“

NOCH haben wir die Zeit. Was wir jetzt brauchen ist der politische Wille diese Zeit effektiv zu nutzen und endlich zu handeln. Diese Dekade muss wahrhaftig eine Dekade des Klimaschutzes werden, wenn wir die schlimmsten Folgen noch verhindern wollen. Und auch das macht der Bericht deutlich: Ein Ausruhen auf dem langfristigen Ziel 1,5°C ist wahrscheinlich nicht so sicher, wie bisher gedacht. Auch ein kurzzeitiges Überschreiten des 1,5°Limits kann unumkehrbare, katastrophale Folgen haben, auch wenn wir langfristig wieder unter die 1,5°C zurückkehren. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir genau JETZT handeln.

Wir bedanken uns recht herzlich bei Herrn Prof. Dr. Matthias Garschagen für das Interview.
Den Bericht findet ihr online hier.
Und was wir jetzt brauchen ist der politische Druck. Deshalb kommt mit uns auf die Straße. Hier findet ihr die Streikkarte von FFF Deutschland. Guckt doch (am Freitag) mal bei eurer Ortsgruppe vorbei.

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