Vor einem Monat erschien ein IPCC Sonderbericht über Ozean und Kryosphäre. Nach dem Sonderbericht über 1,5°C globale Erwärmung im letzten Jahr und dem Sonderbericht über Klimawandel und Landflächen ist dies der dritte Sonderbericht in der aktuellen Periode zwischen dem fünften und sechsten Sachstandsbericht.

In ihrem neuen Bericht fassen die Wissenschaftler des „International Panel on Climate Change“ (IPCC) die beobachteten physischen Veränderungen in unseren Ozeanen und der Kryosphäre (also den Eisflächen des Planeten), wie das Abschmelzen von Gletschern und des arktischen Eisschildes, Erwärmung und Versauerung der Ozeane und den Anstieg des Meeresspiegels zusammen. Dies hat massive Konsequenzen für natürliche Ökosysteme im Meer, an Küsten, in Hochgebirgs- und Polarregionen. Unter anderem durch Überschwemmungen und eine Beeinträchtigung der fischereigestützten Ernährungssicherheit sind auch viele Menschen davon betroffen. Indigene Völker sind besonders gefährdet. Der IPCC projiziert diese Veränderungen abhängig von der Menge an anthropogenen Treibhausgasemissionen in die Zukunft. Demnach wird der Ozean im Laufe dieses Jahrhunderts “einen Übergang zu noch nie dagewesenen Bedingungen vollziehen” mit stark erhöhten Temperaturen, einem dramatischen Anstieg des Meeresspiegels und der Zerstörung mariner Ökosysteme.

Ich habe mit Phillip Williamson gesprochen. Er ist Mitautor dieses IPCC Berichts und arbeitet an der University of Anglia. Ich konnte ihm einige Fragen zu diesem Thema stellen.

Während des Gesprächs wurde immer wieder deutlich, dass der Ozean einen großen Einfluss auf das Klima hat und den aktuellen anthropogenen Klimawandel durch die Aufnahme von Wärme und CO2 stark abfedert. Einfache Maßnahmen um den Klimawandel weiter zu verlangsamen, wie beispielsweise Aufforstung an Land, scheint es im Ozean jedoch nicht zu geben. Immer wieder betonte Herr Williamson, dass wir so schnell wie möglich aus den fossilen Brennstoffen aussteigen müssen und damit aufhören sollen, vorhandene biologische Kohlenstoffspeicher zu zerstören, bevor wir darüber reden können, was es denn sonst für Alternativen gibt.

Als eine konkrete Möglichkeit kamen wir spezifisch auf Geoengeneering zu sprechen, also das direkte, großflächige Eingreifen in das Klimasystem. Im Zusammenhang mit dem Ozean hört man oft von der Idee, grosse Teppiche künstlicher Algenblüten zu zuechten. Diese sollen das CO2 aus der Luft aufnehmen und beim Absterben mit auf den Meeresgrund nehmen. Laut Herrn Williamson ist dies jedoch nicht sinnvoll, da beim Absterben der Algen der Grossteil des Kohlenstoffs wieder als CO2 in die Atmosphäre gelangt. Darum würde er diese Art des Geoengeneerings nicht unterstützen, steht anderen Methoden allerdings nicht so kritisch gegenüber. Die beste Möglichkeit, so betonte er erneut, sei nach wie vor eine drastische Reduktion der Emissionen.

Als Antwort auf meine Frage, was ihn am meisten überrascht habe, nannte er das Ausmaß des Klimawandels, welches größer ist als er es erwartet hätte. Auch gibt es unerwartete Zusammenhänge. Wissenschaftler, die so unterschiedliche Systemen wie Gebirge und Gletscher, Ozeane und die Arktis untersuchen, berichten von ähnlichen Problemen. Die klimatischen Veränderungen im Ozean sind nicht nur ein Problem für die Küstenregionen, sondern haben weltweit Einfluss auf jeden von uns.

Zum Schluss hatte er aber auch noch etwas Aufmunterndes zu sagen:
Am Freitag vor der Veröffentlichung war der große Klimastreik von Fridays For Future. Insgesamt gingen in der gesamten Aktionswoche über 7 Millionen Menschen auf die Straße. Nicht nur Schüler*innen und Student*innen.
Auch bei dem Treffen der Wissenschaftler*innen wurde gestreikt. Und wie Herr Williamson mir bestätigte, gab es sogar eine Diskussion, ob das Meeting für eine Teilnahme an dem Streik unterbrochen werden sollte. Am Ende fiel dann doch die Entscheidung gegen eine Unterbrechung, allerdings ausdrücklich nicht, weil man mit den Streikenden nicht übereinstimmen würde. Viel mehr war das Gegenteil der Fall. So ein Sonderbericht des IPCC ist eine Menge Arbeit, die bis zur letzten Minute noch andauert. Daher wurde am Ende beschlossen, lieber den Bericht rechtzeitig fertigzustellen und damit den Streikenden wieder einmal wissenschaftliche Rückendeckung zu liefern.

Eines ist mir während und nach dem Gespräch noch einmal sehr bewusst geworden: Wir befinden uns jetzt schon in einer Klimakrise. Die Welt, auf die wir zusteuern, ist uns unbekannt und die Lösungen, auf die einige Politiker*innen ihre ganze Hoffnung setzen, existieren entweder noch nicht, oder sind einfach nicht in dem Maße nutzbar, wie gedacht. Der Druck auf die Politik durch den Protest von Fridays for Future ist gerechtfertigt und darf nicht nachlassen, auch und besonders dann, wenn es immer wieder Rückschläge gibt.

Es ist klar geworden, dass unsere Ozeane in Gefahr sind und wir erst beginnen zu begreifen, dass das nicht nur ein Problem für küstennnahe Städte ist, sondern für uns alle.
Auch wenn Hollywood-Horrorszenarien wie das vollständige Erliegen des Golfstroms nicht realistisch sind, so ist das generelle Problem der Verringerten Vermischung von Meereswasser durchaus ernstzunehmen.
Irgendwann mag es effiziente technische oder chemische Möglichkeiten geben, große Mengen CO2 wieder aus der Atmosphäre zu holen und sicher zu lagern, aber die Klimakatastrophe beginnt jetzt. Und wir können dieses Problem nicht lösen ohne so schnell wie möglich so viel CO2 einzusparen wie wir können.

Wenn ich eine Sache aus dem Interview und dem Report mitgenommen habe, dann das:

Wir müssen jetzt sofort anfangen großflächig und politisch zu handeln, um unsere Emissionen so schnell und so stark wie möglich zu reduzieren.

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